Dame in weißem Kleid mit blauem Umhang
Vor dunkelblauem Hintergrund porträtierte dieser unbekannte, möglicherweise russische und stark von den Werken Augustin Ritts inspirierte Miniaturist sein Modell. Die junge Dame trägt ein weißes, spitzenbesetztes Kleid, dessen hauchfeiner Stoff mit kleinen blauen Blüten bestickt ist (vgl. Kat.-Nr. 2005-117-119). Ihr Gesicht ist dem Betrachter direkt zugewandt, doch die Augen schauen leicht an ihm vorbei, und der Blick geht in die Ferne. Ein wallender blauer Umhang breitet sich von der Taille an seit- und abwärts aus, was den Eindruck hervorruft, als entsteige die Porträtierte einer wogenden Welle. Das zarte und lebendige Gesicht mit den großen braunen Augen wie auch das natürlich gelockte, von einem hellen Band zusammengehaltene Haar entsprechen dem Natürlichkeitsideal am Ende des 18. Jahrhunderts.
In der Darstellung jedoch bediente sich der Maler eines Topos, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sehr beliebt war, der Dame als Nymphe. 1 Das Fließende des Stoffes und das Vorherrschen blaugrüner Farbtöne lassen dieses Thema assoziieren, das, durch zahlreiche Bildnisse überliefert, im Zeitgeschmack am Ende des 18. Jahrhunderts durchaus noch präsent war. Der erotische, erführerische Beiklang, der den Nymphendarstellungen der früheren Zeit häufig eigen war, tritt hier zurück zugunsten eines Ideals der Liebe als Seelenzustand, der sich in dem zarten, liebevoll-anmutigen Ausdruck der Dame widerspiegelt. 2
J.S.O.
1 Vgl. z.B. aus der Sammlung Tansey Kat.-Nr. 2000-21 und Kat.-Nr. 2000-94 in: Otten, Pappe, Schmieglitz-Otten 2000.
2 Die sich in das Fließende der Darstellung einfügende linke Hand des Modells ist in sich gut gemalt, zeigt jedoch bei genauerer Betrachtung eine unnatürliche Haltung. Auch hier wird wieder deutlich, wie schwierig die Aufgabe des Malens von Händen im Format der Miniatur zu bewältigen war. Vgl. B. Pappe, »Kunst und Können in der Miniaturmalerei« in: Otten, Pappe, Schmieglitz-Otten 2000, S. 18. und S. 27.





