Frédéric Millet
Dame ("Helen") in weißem Kleid mit Schleier
Kurz nachdem Millet für die herausragende Qualität seiner ausgestellten Miniaturen mit einer Medaille zweiter Klasse im Salon von 1817 geehrt wurde, malte er das anmutige Bildnis einer Dame namens Helen. 1 Er wählte für das Modell die "Feldherrenpose" mit zum Betrachter gewandtem Oberkörper und abgewandtem Kopf, den Blick ein Ziel in weiter Ferne suchend. Diese vorbildhaft von Isabey für Napoleon und von Guérin für General Kléber ausgewählte Pose trifft man gelegentlich auch in Damenbildnissen an, so in Quaglias Bildnis der Kaiserin Joséphine und in zahlreichen Porträts der englischen Schule. Bei Millet ist die Pose selten. Während sie in Bildnissen von Herren zumeist für konzentrierte Wachsamkeit steht, ist sie bei Damen eher Ausdruck nachdenklichen Sehnens, eines Vergegenwärtigens des in der Ferne weilenden geliebten Menschen.
Die nuancenreiche Modellierung in feinen, aber scharfen Strichen im Gesicht der Dame, der windgebauschte Schleier und der Wolkenhintergrund in transparenten Farblagen sind darstellerische und technische Eigenheiten, die Millet bei seinem Lehrer Isabey kennenlernte. Während bei Isabey die Armut im Vordergrund steht, gesellt ihr Millet die individuellen und differenziert wiedergegebenen Züge einer jungen Frau, die Eigenständigkeit und Selbstbewußtsein ausdrücken, hinzu.
B. P.
1 Hinter der Miniatur ist im Rahmen ein alter Brief eingelegt: "Helen' s offering to a beloved Husband on the first anniversary of their marriage. April 21st 1815". Ein Kettchen aus Haaren und Goldringen ist zusätzlich beigelegt. Auf der Rückseite der Miniatur ist in grauem Stift ein Herrenbildnis skizziert.
