Louis Bertin Parant (auch: Parent)
Dame in rotem Kleid mit weißem Schleier
Eingebettet in sphärische Wolkengebilde, erscheint die junge Dame mit rotem Umhang und windaufgeblähtem Schleier wie eine mythologische Göttin. Sanftmut und Grazie, die primären Ausdruckswerte der Miniatur, werden durch das Tülldekor gesteigert, und die ruhige Pose wirktdadurch belebt. Parants Vorbild für diese Miniatur, Jean-Baptiste Isabey, der große Meister solcher Damenporträts, begeisterte die Damen- und Herrenwelt mit seinen "luftigen" Bildnissen und fand etliche Nachahmer. 1 Die Einbettung in dekorative Schleierkompositionen verlieh Anmut und Liebreiz und schmeichelte auch Gesichtern, die von der Natur mit wenig Ebenmaß ausgestatten waren.
Das Damenbildnis der Sammlung Tansey ist im OEuvre von Parant ein Sonderfall, denn es zeigt das Modell in natürlicher Haltung und realitätsnah koloriert. Der weitaus größte Teil von Parants Miniaturporträts sind Kamee-Imitationen, deren Glanz und Relief er täuschend echt mit malerischen Mitteln erreichte. Es erstaunt deshalb nicht, daß diese Darstellung Parants fehlende Erfahrung mit solchen Posen erahnen läßt und etwas ungelenk Werke Isabeys zu imitieren sucht. Die materiellen Eigenschaften des Elfenbeins schöpfte Parant bestmöglich aus; Hintergrund und Schleier erhalten ihre geheimnisvolle, nebelartige Schattierung in erster Linie durch rückseitige Bemalung des semitransparenten Blattes.
B. P.
1 Vgl. Kat.-Nr. 2002-72 und 2002-88 in "Miniaturen des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung Tansey".
