Dame in weißem Kleid
Das Bildnis der Dame in weißem Kleid von etwa 1799 ist an schlichter Direktheit kaum zu übertreffen und entspricht darin dem klassizistischen Ideal der Zeit. Während die Vorbilder der Antike einige Künstler aber dazu verleiteten, anstelle von lebendigen Menschen statuenartige Figuren zu malen, ist Augustins unbekannte Dame voller Leben.
Je kleiner ein Porträt ist, desto summarischer werden üblicherweise die Gesichtszüge, und desto mehr büßt der Dargestellte an Individualität ein. Dieser von den maltechnischen Gegebenheiten diktierte Grundsatz scheint bei Augustin keine Gültigkeit zu besitzen. Tatsächlich gelang es dem Miniaturisten wie keinem anderen, selbst in kleinstem Format die Nuancen und Schattierungen eines Gesichts festzuhalten und lebendig wirken zu lassen. Seine Präzision erreicht
eine Stufe an Feinheit, die mit bloßem Auge kaum mehr wahrgenommen werden kann. 1 Es scheint fast unmöglich, mit Pinsel und Farbe solche Feinheiten malen zu können, und tatsächlich strahlen die Kleinstbildnisse Augustins etwas aus, das, wie ein Zeitgenosse des Künstlers es formulierte, »den Betrachter zur Verzweiflung bringt«. 2
B.P.
1 Um 1797 veränderte Augustin die Maltechnik in den Inkarnaten seiner Porträts: Die Pinselstruktur, bis dahin zwar fein, aber mit noch unterscheidbaren Pinselschlägen, wird nun dergestalt verfeinert, daß sie selbst unter der Lupe unsichtbar wird.2 Salonkritik von 1812, zitiert bei Save 188081, S. 95.








