Rechts

Ord.Nr.: 10.294
Kat.Nr.: 2005-60

Auf den Leuchttisch legen

Herr mit großen Ohrringen

um 1795
kreisrund: 6.50 cm x 0.00 cm
Metallreif mit Bordüre aus transparenten Steinen

In der Mitte der 1790er Jahre entstand das Bildnis eines Herrn mit braunem Rock, goldbestickter blauer Weste und mit zwei goldenen Ohrringen. 1 Es trägt die Signatur »Graff« und gehört in eine Gruppe von qualitativ sehr guten Miniaturen, die alle im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert gemalt wurden, über deren Künstler aber nichts bekannt ist.
Die selbst von den Miniaturenkennern Jeannerat und Schidlof vertretene Ansicht, der berühmte Winterthurer Porträtist Anton Graff hätte sie gemalt, muß aufgrund stilistischer Merkmale verworfen werden. 2 Dieser fertigte zwar auch Porträts im Kleinformat an, sie sind aber psychologisch differenzierter und in einer Silberstifttechnik auf grundiertes Pergament gezeichnet. 3 Maltechnisch zeigt der Miniaturist Graff deutlich französischen Einfluß: breite Gouachepartien für Kleider, Haare und Hintergrund und farblich nuancierte Inkarnate in Aquarell. Vermutlich inspirierte sich der Künstler an französischen Vorbildern, arbeitete aber nicht in Paris, sondern in verschiedenen anderen Städten Europas. 4

B.P.


1 Ohrringe wurden von Männern der Revolutionszeit ebenso wie die lange Hose aus der Seemannskleidung übernommen. Sie ließen auf Sympathie mit den revolutionären Ideen schließen. Später wurde der Männerohrring zum reinen modischen Requisit. Vgl. Göbel, Kohlmann, Müller und Vanja 1989, S.79ff.

2 Der Werkkatalog über Anton Graff von Berckenhagen, 1967, führt eine Reihe Miniaturen als dessen Werke auf, die nicht vom Winterthurer Künstler, sondern vom Miniaturisten Graff gemalt wurden.Vgl. Berckenhagen 1967, Nr. 638, Nr. 1536 und Nr. 1538. Berckenhagen äußerte aber bereits Zweifel an der Zuschreibung an Anton Graff.

3 Die Ausstellung »100 ans de miniatures suisses, 1780-1880« in Lausanne, 1999-2000, zeigte einige Miniaturen in Silberstift von Anton Graff, darunter auch sein hervorragendes Selbstbildnis. Vgl. Genoud 1999, S. 106.

4 Zahlreiche Miniaturisten waren bei Verschlechterung der Auftragslage gezwungen, ihren Arbeitsort zu wechseln. Sie suchten mit Vorliebe Orte auf, an denen sie ihr Können nicht nur der heimischen Bevölkerung, sondern auch Reisenden anbieten konnten. Der Miniaturist Graff scheint um 1800 in Stuttgart gearbeitet zu haben (vgl. Fleischhauer 1939, S.108-109).