Dame mit Vogel
Eine unbekannte Dame wollte in ihrem Miniaturbildnis auf die gleiche Weise dargestellt werden wie die berühmte Marquise von Prie, Agnes Berthelot von Pléneuf (1698 -1727). 1 Das der Miniatur zu Grunde liegende Porträt wurde vom noch sehr jungen Carle Van Loo gemalt und ist in Repliken in Öl und Pastell bekannt. 2 Im Unterschied zum Original, auf dem die Dame einen Papagei auf ihrer Hand trägt, malte der Miniaturist sie mit einem Singvogel.
Der kokette Blick, der erhobene Zeigefinder und der Vogel verweisen auf die Liebessymbolik des 18. Jahrhunderts. Vergleichbar mit dem freiheitsliebenden Vogel, der nur schwierig einzufangen und zu zähmen ist, lässt auch die Dame sich nicht leicht erobern. Mit der Geste ihrer rechten Hand warnt sie den Bildbetrachter - ihren Liebhaber - vor den Schwierigkeiten, auf die er dabei stoßen könnte. Dass sie aber schließlich nachgeben und sich dem Liebsten hingeben wird, belegen ihr lächelndes Gesicht und die Tatsache, dass sie die Miniatur für ihn malen ließ.
Carle Van Loo malte das Porträt der Marquise vermutlich nur wenige Jahre vor ihrem Tod. 3 Kurze Zeit später wird auch die Miniatur gemalt worden sein. Sie ist ein frühes Beispiel einer auf Elfenbein gemalten Miniatur. Die Wahl des von Rosalba Carriera (vgl. Kat.-Nr. 2008-7- 2008-9 und S. 2008-14ff.) in die Miniaturmalerei eingeführten Malgrunds deutet darauf hin, dass das Bildnis nicht in Frankreich gemalt wurde, denn hier wurde bis ungefähr 1770 Pergament verwendet.
B.P.
1 Die einflussreiche Mätresse von Louis-Henri Duc de Bourbon (vgl. S. 41, Abb. 5) fiel nach von ihr selbst gesponnenen politischen Ränken in Ungnade und wählte im Exil den Freitod. Ihr Leben wird unter anderem in Stefan Zweigs Novelle Geschichte eines Untergangs beschrieben.
2 Vgl. Jeffares 2006, S. 533."
3 Er war in ihrem Todesjahr erst 22-jährig.









