Pierre Rouvier
Junger Herr, "Baron de Fingerlin"
Der Herr am Klavier schlägt mit der rechten Hand einen Dreiklang an, während die andere Hand auf einem großen Notenbuch ruht, das er aufrecht auf seinen Oberschenkel gestellt hat. Es ist der Moment vor dem eigentlichen Spiel, und der Portraitierte lauscht dem Klang des Akkords. Seine nach oben gerichteten Augen bringen die intensive Konzentration auf den Klang zum Ausdruck. Er scheint ganz in sein Tun versunken, im Gegensatz zu den Darstellungen Musizierender auf anderen Miniaturen.¹ Rouvier gelang es, indirekt etwas Geistiges darzustellen: die Hingabe an einen Klang.
Dies rückt das Bildnis in die Nähe des Künstlerportraits: Anläßlich des triumphalen Erfolges der Oper "Iphigenie auf Aulis" in Paris malte Joseph Duplessis 1775 mit seinem Portrait des Komponisten Christoph Willibald Gluck² "ein Modell für das Bildnis des schöpferischen Menschen schlechthin"³. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Pierre Rouvier dieses in vielem ähnliche Bild kannte, das erst 1824 in die kaiserliche Gemäldegalerie nach Wien kam.
¹ Vgl. z. B. Kat.-Nr. 2000-4, 2000-121, 2000-142 in Miniaturen aus der Sammlung Tansey. Eine Baronin Ursula Fingerlin ist abgebildet bei M. Friesen (Hrsg.), Französische Miniaturen aus der Sammlung E.P.S. Darmstadt, 2001, S. 299.² Joseph Duplessis (1725-1802): Christoph Willibald von Gluck am Spinett, 1775, KHM Wien, Inv.-Nr. 1795. ³ Siehe Wolfgang Prohaska, KHM Wien, die Gemäldegalerie, Wien 1984, S. 88.





