Daniel Saint
Herr in braunem Rock vor wolkigem Himmel
Als der englische Miniaturist Andrew Robertson im August 1815 Daniel Saint 1 zu Hause besuchte und von ihm zum Abendessen eingeladen wurde, hatte der Franzose in seinem Fach bereits erreicht, was er zu erreichen hoffen konnte. Wertvolle Schmuckstücke wurden von Kaiser Napoleon I. mit seinen Miniaturbildnissen geschmückt, und zusammen mit Isabey erhielt er Aufträge für Staatsgeschenke. Als Vertreter der englischen Schule, die eine breite, schnelle Maltechnik mit freiem Pinselduktus schätzte, mußte Saints Malweise Robertsons Geschmack eher entsprechen als etwa jene Aubrys oder Augustins. In seinem Reisebericht stufte er die Miniaturen Saints höher ein als jene seines Lehrers Aubry, und an Augustins Feinmalweise kritisierte er den Mangel an malerischer Freiheit. 2 Saint war diesbezüglich tatsächlich ein Ausnahmefall im Kreis der französischen Miniaturisten, und er wurde für seinen virtuosen Pinselduktus deshalb von Jacques-Louis David der "Rembrandt der Miniaturmalerei" genannt. 3 Mansion hielt in seiner Malanleitung von 1823 fest, daß die breite Malweise Saints auch von Anfängern in der Miniaturmalerei relativ leicht zu kopieren sei. 4 Den unbekannten Herrn der Sammlung Tansey stellte Saint vor dramatisch wolkigen Himmel, der dem Dargestellten im Bildnis Größe, Überlegenheit und einen Ausdruck gedanklicher Unabhängigkeit verleiht.
B. P.
1 Ein angebliches Selbstbildnis des Künstlers ist im Miniaturenkatalog von Albert Jaffé, Hamburg, o. J., S. 41 abgebildet.
2 Robertson 1897, S. 233, 236 und 245.
3 Basily-Callimaki 1909, S. 281.4Mansion 1823, S. 85.


