Dame mit langem dunkelbraunem Haar vor Himmel
Nanette Rosenzweig, eine Schülerin Fügers, malte hier ein in mehrerer Hinsicht außergewöhnliches Damenporträt. 1 Die Dargestellte ließ sich porträtieren, als sei sie im Gehen begriffen. Ihr Körper ist beinahe im Profil gezeigt, und das offen getragene lockige Haar wirkt wie von einem Luftzug erfaßt. Der blaue Wolkenhimmel als Hintergrund verstärkt diesen Eindruck. Das dunkle lange Haar und der über dem weißen Chemisenkleid getragene schwarze, am Rand bestickte Schal lassen die Haut von Dekolleté und Gesicht besonders hervortreten. Auffällig ist die Geste ihrer linken Hand, in der sie eine Blume - es scheint ein Veilchen zu sein - trägt: Der Zeigefinger ist ausgestreckt und deutet zum Bildrand, als wolle die Dame auf etwas hinweisen.
Möglicherweise wollte die Dame mit ihrem Porträt eine erotische Anspielung verbinden, denn der dünne Musselinstoff des Kleides ist soweit heruntergerutscht, daß er einen Blick auf ihre linke Brust gewährt. Vielleicht ist dies aber auch Ausdruck des Modebewußtseins und Zeitgeschmacks. Das neue Natürlichkeitsideal, das seinen Ausdruck in den leichten, der Antike nachempfundenen durchscheinenden Musselinkleidern fand, brachte auch ein ganz neues Verhältnis von Körper und Kleidung hervor. 2 So wird im »Journal des Luxus und der Moden« von 1797 ein Kleid beschrieben, das bereits von seinem Schnitt her eine Brust unbedeckt ließ. 3
J.S.O.
1 Rosenzweigs Miniaturen zeigen nur wenig Einfluß ihres Lehrers und erreichen bei weitem nicht dessen hohe Malqualität. Vgl. Schidlof 1964, Bd. 2, S. 695.
2 Wie sehr dieses von vielen damaligen Zeitgenossen auch als störend und irritierend empfunden wurde, zeigt die große Anzahl von Karikaturen, welche die Nacktmode jener Zeit immer wieder thematisieren. Vgl. Rasche und Wolter 2003.3 »Eine Dame aus Frankfurt, die immer im Besitz der neuesten und geschmackvollsten Kleidung ist, hatte neuerlich die Eigenheit bei ihrer Chemise, die von hinten ganz gemacht war, wie die gewöhnlichen, daß von vorn nur die eine Brust - ich glaube es war die rechte - bedeckt, die andere Seite hingegen ganz bloß war. Dies ist ein wahrer Amazonenzug von einer Chemise!« Journal des Luxus und der Moden 1797, zitiert nach: Rasche und Wolter 2003, S. 71.
