Antoine-Alexandre Marolles
Dame mit violett-grünem Schultertuch
Eine unbekannte Dame wünschte im Miniaturbild graziös und verführerisch dargestellt zu werden - vermutlich sollte das Porträtmedaillon ein Geschenk für einen geliebten Mann sein. Der Oberkörper ist leicht nach links, der Kopf nach rechts gewandt - eine im Rokoko sehr beliebte Pose. Der Blick zum Bildbetrachter hin ist halb einladend, halb distanziert. Diese Ambivalenz wird zusätzlich durch die rechte Hand unterstrichen: Will die Dame das weiße Mieder über der Brust festhalten oder tieferen Einblick gewähren? Die Darstellung des Modells und die mit Raffinement konzipierte, kühle Farbskala vermeiden alles Anzügliche oder gar Vulgäre, das einer solchen Pose innewohnen könnte.
Der große Meister in der Darstellung von verführerisch und zugleich distinguiert wirkenden Damen war im Paris des Rokoko Jean-Marc Nattier. Sein Einfluss auf die europäische Porträtmalerei ist kaum zu überschätzen (s. S. 2008-63 ff.); auch der vielseitig tätige Antoine-Alexandre Marolles ließ sich von dessen Bildnissen inspirieren. 1 Die Modellierung des Inkarnates in grünlichen Schatten zeigt außerdem Ähnlichkeit mit Werken Massés (Kat.-Nr. 2008- 57- 62), und es ist anzunehmen, dass Marolles die Werke des berühmteren Miniaturisten kannte.
B. P.
1 Marolles ist heute nahezu in Vergessenheit geraten, was damit zusammen hängt, dass von dem jung verstorbenen Künstler nur wenig signierte Werke existieren. Henri Boucher brachte mit seinem Artikel 1929 etwas Licht in das Leben und Wirken des Künstlers, der neben Porträts auch Genreszenen, Stadt- und Schlossveduten sowie Buchillustrationen in Miniatur malte.

