Dame als Hebe
Louise-Henriette de Bourbon-Conti, Herzogin von Chartres (1726-1759), ist in der Gestalt der Hebe dargestellt. Wie auch auf anderen vergleichbaren Miniaturen der Sammlung¹, hat die Dame die Attribute der Hebe bei sich: Kelch und Schale des Göttermundschenks und den Adler, das Symboltier ihres Vaters Zeus.
Diese Miniatur kopiert ein Ölgemälde Jean-Marc Nattiers, eines der bedeutendsten Portraitisten des französischen Rokoko, der seine Bildnisse gern als Allegorien ausarbeitete.² Die dargestellte Frau entzieht sich nicht allein durch die "Vergöttlichung" der irdischen Sphäre, sondern auch dadurch, daß der Maler sie in unbestimmtem Raum scheinbar schwebend wiedergab. Er konzentrierte die Detailtreue auf Gesichtszüge, die graziöse Haltung und die Blumen im Ausschnitt des Kleides. Besonders gekonnt ist der gläserne Kelch mit der darin enthaltenen Flüssigkeit gemalt.
Die Mystifizierung von Portraitierten durch ihre "Verkleidung" als antike Götter oder Helden fand - nicht allein in Frankreich - in höfischen Kreisen großen Anklang. Im Klassizismus verschwand diese Art der Bildniskunst später zugunsten einer das Individuelle betonenden Darstellung.
¹ Vgl. dazu Kat.-Nr. 2000-107 in Miniaturen aus der Sammlung Tansey.² Jean-Marc Nattier: Portrait der Louise-Henriette de Bourbon-Conti, 1744, Nationalmuseum, Stockholm, Inv.-Nr. NM 1186.


