Rechts

Ord.Nr.: 10.369
Kat.Nr.: 2002-66

Auf den Leuchttisch legen

Knabe mit blonden Locken

1819
oval: 13.20 cm x 9.50 cm
originaler vergoldeter Metallreif

Nach der endgültigen Verbannung Napoleons nach Sankt Helena und der Rückkehr der Bourbonen geriet Isabey erstmals in finanzielle Schwierigkeiten. Seine zahlreichen Anstellungen und Aufgaben wurden ihm genommen und sein Atelier von der Polizei nach antiroyalistischer Propaganda durchsucht. Von nun an waren Privataufträge seine einzige Einnahmequelle.

In dieser Zeit entstand das vorliegende Bildnis eines Knaben. Die Vermutung, daß es sich bei dem Dargestellten um den Sohn Napoleons I., den jungen Herzog von Reichstadt handle, ist trotz des passenden Alters und einer gewisser Ähnlichkeit mit früheren Bildnissen des Herzogs - blonde Locken, Gesichtszüge, grünes Kleid mit Knopfreihen - unwahrscheinlich. Es ist kaum anzunehmen, daß es nach der Abreise von Napoleons Gattin Marie-Louise und ihres Sohnes aus Paris noch ein Zusammentreffen mit dem Maler gegeben habe. Die ehemalige Kaiserin reiste zurück zu ihrem Vater nach Wien und riet Isabey auf dessen Anfrage hin ausdrücklich davon ab, ihr an den Wiener Hof zu folgen. 1 Das grüne, uniformähnliche Kleid mit den mehrreihigen Knöpfen trägt der Knabe zwar auch auf früheren Darstellungen, doch findet sich dasselbe Kostüm noch in weiteren Kinderbildnissen Isabeys, so daß es nicht als Eigenheit von Napoleons Sohn gelten kann. 2 Gegen eine Identifizierung des Knaben als Herzog von Reichstadt spricht aber vor allem die Tatsache, daß Isabey in seinen Lebenserinnerungen 3 einen Besuch mit Marie-Louise und ihrem Sohn 1819 nirgends erwähnt. Der Maler hatte zur Kaiserin ein sehr freundschaftliches Verhältnis, nannte sie vertraulich "ma souveraine" und hätte ein Wiedersehen mit ihr wahrscheinlich nicht notizlos übergangen. Ferner trug Napoleon II bereits 1817 nicht mehr die lange Lockenfrisur. 4

B. P.


1 Der Brief von Marie-Louise an Isabey ist zitiert in Basily-Callimaki, 1909, S.148-149.

2 Beispielsweise im Bildnis des André Emile de Pavant von 1817.

3 Zitiert auszugsweise bei Taigny, 1859 und Basily-Callimaki 1909.

4 Vergl. die Miniatur von Johann Christian Schoeller, 1817, in der Sammlung des Hauses Oranien-Nassau, die vermutlich den Herzog von Reichstadt darstellt, Inv.-Nr. 165.