Rechts

Ord.Nr.: 10.284
Kat.Nr.: 2005-70

Auf den Leuchttisch legen

Herr in braunem Rock

um 1798
kreisrund: 6.20 cm x 0.00 cm
Goldkapsel, rückseitig mit Initialen TAM (nicht original, Miniatur ursprünglich oktogonal)

Trotz der Darstellung in konventioneller Pose und mit stumpfem Kolorit gelang Guérin mit dem Porträt eines fülligen Herrn ein äußerst ausdrucksstarkes Bildnis. Das Antlitz ist zwar nicht gerade attraktiv, aber in einer Weise vom Künstler wiedergegeben, die dem Dargestellten einen ernsten, nachdenklichen Ausdruck und dadurch eine faszinierende Präsenz verleiht. Guérin wählte als Hintergrund eine mit breiten Pinselschlägen wild strukturierte Fläche, die zur Präzision des Porträts in bewußtem Kontrast steht. 1
1798 war für Guérin künstlerisch ein sehr fruchtbares Jahr. 2 Er malte das Miniaturbildnis seines Jugendfreundes Jean-Baptiste Kléber, der wie er aus dem Elsaß nach Paris zog, um sich als Künstler zu etablieren, aber dann eine Militärkarriere einschlug und es bis zum General brachte (vgl. Pappe und Schmieglitz-Otten 2005 Abb. S.16). Das Bildnis Klébers wurde zwar auf der Ausstellung im Salon von 1798 verhältnismäßig wenig beachtet, aber später als Guérins Meisterwerk, ja als Gipfel in der Miniaturmalerei überhaupt betrachtet. 3 Das vermutlich im selben Jahr entstandene Herrenporträt aus der Sammlung Tansey zeigt bei aller Verhaltenheit Guérins Ausdrucksstärke und strahlt viel Kraft und Energie aus.

B.P.


1 Stark strukturierten Hintergrund malten in ihren Porträts auch François Dumont und - in der Staffeleimalerei - Jacques-Louis David.

2 Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich die Tatsache, daß Guérins Freund und früherer Wohngenosse Fiesinger 1797 aus seinem Exil in London nach Paris zurückkehrte, positiv auf Guérins instabile Gemütslage und auf sein künstlerisches Schaffen ausgewirkt hätte.

3 Angeblich war Napoleon von dem Bildnis so begeistert, daß er es für einige Zeit vom Künstler auslieh, um es in Ruhe betrachten zu können. Vgl. Levrault 1836, S. 259. Lemberger nennt das Bildnis das Kühnste und Größte, das in der Miniaturmalerei geschaffen wurde. Vgl. Lemberger 1916, S. 433.