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Herr in rotblauem Rock
Der Herr in rotblauem, uniformähnlichem Rock stand Guérin Modell, nachdem dieser aus dem Elsaß, seinem nach der Proskription von 1792 gewählten Zufluchtsort, zurück nach Paris gezogen war. 1 Der Künstler malte ihn in unbewegter, schlichter Pose vor fast schwarzem Grund. Das Bildnis entstand vermutlich am Quai Voltaire 13, wo Guérin eine Wohnung bezogen hatte. Hierhin kamen seine Kunden, um sich von ihm porträtieren zu lassen. 2 Dem Miniaturisten gelang es offenbar, seinen Modellen die mühseligen Sitzungszeiten durch anregende Gespräche zu verkürzen. 3 Dabei scheint der Künstler kein einfacher Mensch gewesen zu sein. Aus seinem Tagebuch erfahren wir, daß er Ende der 1780er Jahre schwere Depressionen mit Suizidgedanken durchlebte. Die bei Levrault erzählten Zusammenstöße mit dem Maler David und später mit Napoleon zeigen einen Menschen mit äußerst eigenwilligem Charakter, der seine Meinung nicht zurückhielt, auch wenn diese ihn leicht hätte in Gefahr bringen können. 4
Die kraftvollen Porträts Guérins passen in ihrer ungeschmeichelten Direktheit ins Bild, das Levrault von ihm zeichnet. Sein Selbstbildnis von etwa 1800 zeigt einen Mann mit wilder Lockenmähne, knochigem Gesicht, markantem Kinn, kleinen Augen und kraftvollen wulstigen Augenbrauen. 5
B.P.
1 Der Herr trägt einen Rock, der in Farbe und Schulterverzierung einer Uniformjacke ähnlich sieht. Es dürfte sich dabei aber um ein Phantasie-Kleidungsstück handeln, wie es dem Geschmack eines Modeexzentrikers, eines Incroyable, entsprach. Wir danken Herrn Pierre Papeloux, Paris, für diesen Hinweis.
2 Louis Levrault, Guérins Freund und erster Biograph, betonte, daß Guérin nicht zu den Kunden ging, um diese zu porträtieren. Er hatte die Gewohnheit, bei sich zu Hause zu arbeiten. Levrault 1836, S. 260."
3 Vgl. Levrault 1836, S. 260.
4 Zu Besuch im Atelier Davids, bezeichnete Guérin diesen vor Danton und Robespierre als Feigling, weil er eine Skizze des Malers mit der Darstellung des Kopfes Ludwigs XVI. unter einer Guillotine entdeckte. Als er später beim Malen von Joséphines Porträt von Napoleon aufgefordert wurde, ihm das unfertige Bild zu zeigen, lehnte Guérin ab, selbst nachdem der Kaiser lautstark seinen Willen durchzusetzen versucht hatte. Vgl. Levrault 1836, S. 254-255.
5 Das Bildnis befand sich 1879 noch im Besitz der Nachkommen von Guérins Bruder Christophe. Es ist abgebildet bei Charavay 1879, gegenüber von S.133.
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