Rechts

Ord.Nr.: 10.297
Kat.Nr.: 2005-68

Auf den Leuchttisch legen

Dame in weißem Kleid mit Rosenzweig

um 1792
kreisrund: 6.60 cm x 0.00 cm
vergoldeter Metallrahmen

Die Dame mit dem als Liebessymbol zum Betrachter gerichteten Rosenzweig stellte Guérin mit abgewandtem Körper, aber dem Betrachter zugewandtem Gesicht dar. Diese Pose erweckt den Eindruck, als kokettiere die Dargestellte mit dem Betrachter. Der auffallend dunkle Hintergrund enthebt sie der Wirklichkeit und umgibt sie mit einer geheimnisvollen »nächtlichen« Atmosphäre. 1
Guérin malte die meisten seiner Modelle mit einer schmalen, langen Nase, weit ins Auge gesenktem Oberlid und kleinem, stark geschweiften Mund. Solche Vereinheitlichung der Physiognomie und des Ausdrucks praktizierten auch andere Künstler, so daß ein Kunstkenner 1788 kritisierte, man erkenne in den Dargestellten eher den Künstler als das Modell. 2
Das Jahr 1792, in dem das Damenbildnis vermutlich entstand, war für Guérin sehr ereignisreich. Der Künstler konnte nun endlich mit seinem engen Freund, dem Kupferstecher Gabriel Fiesinger, eine Wohngemeinschaft eingehen und war bisweilen aktiv ins politische Tagesgeschehen eingebunden. Als am 20. Juni eine aufgebrachte Volksmenge bewaffnet in die Tuilerien eindrang und den König und seine Familie bedrohte, war Guérin einer der etwa fünfzig Grenadiere, die um die Königsfamilie einen Schutzring bildeten und diese so vor physischer Gewalt schützten. 3 Am 10.August wurde der Elsässer Miniaturist auf die Liste der Vaterlandsverräter gesetzt. Er floh ins heimatliche Elsaß und konnte dort der Verhaftung nur entgehen, weil General Desaix ihn in seine Truppe aufnahm und ihm auf Schloß Ittenviller Unterschlupf bot. 4

B.P.


1 Dunkelbraunen bis schwarzen Hintergrund wählte auch Isabey oft in seinen Miniaturporträts der 1790er Jahre.

2 Journal de Paris, 25.Juni 1788, zitiert bei Hennequin 1926-27, S.16-17. Der Verfasser war vermutlich Edme Quenedey, Hersteller der Physionotrace-Bildnisse (vgl. Pappe und Schmieglitz-Otten 2005, S.17-19).

3 Guérins Tagebucheinträge widmen sich oft politischen Ereignissen, die er als Augenzeuge miterlebte und vermutlich abends zu Hause notierte. Sie bestechen durch ihre unmittelbare Direktheit. Vgl. Charavay 1879, S.116-126.

4 Levrault 1836, S. 258