Rechts

Ord.Nr.: 10.352
Kat.Nr.: 2005-77

Auf den Leuchttisch legen

Herr in braunem Rock

1790
oval: 3.70 cm x 2.90 cm
vergoldeter Metallreif

Hoin malte das Bildnis eines unbekannten Herrn mit den um 1790 modischen großen Knöpfen am braunen Rock als vierzigjähriger Künstler und auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Leistungen. 1 Es ist noch ganz in der Tradition der Pariser Miniaturmalerei der Zeit Ludwigs XVI. konzipiert und zeigt eine verblüffende Nähe zu den Werken Pierre Adolphe Halls. 2 Hintergrund und Kleidung sind in teils deckend, teils lasierend aufgetragener Gouachefarbe in freien, »nervösen« Pinselschlägen gemalt. Das Gesicht ist in feiner Strichelung modelliert, mit markanten Schattenlinien in warmem Braun. Der Miniaturist gibt zwar Eigenheiten des Antlitzes wieder, ordnet diese aber einem gefälligen Darstellungsschema unter, das Anmut, Geist und Überlegenheit betont.
Die freie und selbst in diesem Kleinstformat mit bloßem Auge sichtbare Pinselstruktur verleiht dem Bildnis viel Leben und Frische. Der Betrachter soll in der Malerei nur angedeutete Bildpartien im Geiste vollenden. Diese von Hall propagierte Malweise war eine radikale Abwendung von der minutiösen Feinmalerei, wie sie in Europa um die Mitte des 18. Jahrhunderts vorherrschte. 3

B.P.


1 Die zahlreichen Miniaturen Hoins aus unterschiedlichen Epochen im Musée des Beaux-Arts in Dijon zeigen dessen künstlerische Entwicklung. Ein Selbstbildnis des Künstlers von 1782 ist im Besitz des Museums Briner und Kern, Schenkung Kern, Winterthur.

2 Hall emigrierte 1766 aus Schweden nach Paris und reformierte die Miniaturmalerei hier nachhaltig. Er brachte nicht nur einschneidende Neuerungen bezüglich der Malweise nach Frankreich, sondern setzte auch den Gebrauch von Elfenbein als Bildträger durch. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern malte man Miniaturen in Frankreich bis etwa 1770 fast ausschließlich auf feinem Pergament.

3 Eine bedeutende Wegbereiterin der Miniaturmalerei auf Elfenbein ebenso wie einer freien, impressionistischen Malweise war bereits am Anfang des 18. Jahrhunderts die Venezianerin Rosalba Carriera.