Rechts

Ord.Nr.: 10.736
Kat.Nr.: 2008-162

Auf den Leuchttisch legen

Dame mit einem Kükenkorb

um 1770
kreisrund: 6.20 cm x 0.00 cm
vergoldeter Metallreif

Mit großen Augen schaut die junge Dame, die ein unbekannter Miniaturist mit einem Kükenkorb porträtierte, den Betrachter an. 1 Sie stützt sich auf ein Steinpodest, die rechte Hand ruht auf dem Griff eines Korbes, in dem zwei, vielleicht auch drei Küken wie in einem Nest sitzen. Die Dame trägt ein schlichtes blaues, weit geschnittenes Kleid, das in der Taille gegürtet ist; über den Kopf hat sie ein weißes, durchscheinendes Tuch gewunden. Einziger Schmuck ist die goldgelbe Kordel, die das Tuch an ihrem Kopf befestigt und deren Farbe von einem Band am Ärmelausschnitt des Kleides wieder aufgenommen wird. Der Eindruck »ländlicher Unschuld« wird von dem zarten Gesicht mit dem arglos erscheinenden Ausdruck widergespiegelt - doch das Ländliche ist wohl eher eine Pose: Die Dargestellte ist keine von ländlicher Arbeit gezeichnete Frau, denn zu sorgsam und kunstvoll ist das Tuch auf ihrem Haar drapiert, zu zart und fein wirken ihre Hände.
Die sorgfältig arrangierte Dreieckskomposition, deren Eckpunkte das Gesicht, der gebeugte rechte Arm und der Korb mit den Küken bilden, weckt Assoziationen an den natürlichen Kreislauf des Lebens und wird den Betrachter unwillkürlich in der jungen Frau nicht die Hüterin der Tierküken, sondern die zukünftige Mutter eigener Kinder sehen lassen. Und dies mag ein Hinweis auf den mit der Miniatur verbundenen Wunsch der Dargestellten sein.

J.S.O.


1 Das Motiv wurde im 18. und 19. Jahrhundert häufig in einem Doppelsinn verwendet, knüpft es doch einerseits an die den jungen Mädchen auf dem Land häufig zugewiesene Arbeit des Hütens des Geflügelnachwuchses an, weist aber andererseits auf die künftige Rolle des Mädchens als Mutter hin. Vgl. z. B. eine Miniatur von P. Lassus im Musée Cognacq-Jay, Paris, in: Lemoine-Bouchard 2002, S. 103.