Kataloge
Dame als Allegorie der Freundschaft
Die Darstellung dieser Dame, die mit einem geöffneten Granatapfel in der Hand neben einem geknickten Baum steht, erscheint auf den ersten Blick rätselhaft. Ihre Entschlüsselung gelingt mit Hilfe der Iconologia von Cesare Ripa, einer im späten 16. Jahrhundert publizierten Anleitung zur Darstellung von Allegorien. Auf Grund ihrer großen Popularität wurde sie bis ins 18. Jahrhundert immer wieder aufgelegt.
Die Dame hält in ihrer Rechten einen offenen Granatapfel, die Frucht der Liebe, deren Blüten sie in der Kombination mit der immergrünen Myrte - Symbol der Unvergänglichkeit - als Kranz um ihre Stirn trägt. Am weißen Kleid, das Reinheit symbolisiert, ist ein Herz mit der Inschrift Longe et Prope (nah und fern) befestigt. »Longe, & prope, weil der wahre Freund, ob er der geliebten Person nun nah oder fern sei, mit dem Herzen nie fern ist.« 1 Die Dargestellte umfasst mit ihrer Linken eine vertrocknete Ulme, an der eine Weinranke emporwächst, was den Beistand zu einem in Ungnade gefallenen Freund bedeutet. In der Illustration Ripas finden sich darüber hinaus noch die Inschriften »Mors et Vita« (in Leben und Tod) und »Hyems Aestas« (Winters und Sommers). Dieselbe Symbolik wird auch dem mit dunklen Wolken überzogenen Himmel innewohnen: in guten wie in schlechten Zeiten. Die Dame drückte mit dieser Darstellung ihre treue Freundschaft gegenüber dem Empfänger der Miniatur aus.
Das Bild trägt rückseitig eine alte Inschrift in Tinte: Mlle de/La Rocheguyon (oder Rochesuryon). Möglicherweise handelt es sich bei der Dargestellten um Marie de La Rochefoucauld, genannt Mademoiselle de La Rocheguyon, Duchesse d' Estissac. 2
B.P.
1 Ripa 1764, Bd. 1, S. 86.
2 Nach Jean-Jacques Petit kann es sich auf Grund der Datierung der Miniatur nicht um Mlle de la Roche sur Yon, die Tochter des Prinzen von Conti, handeln. Er schlägt vor, darin Marie de la Rochfoucauld, genannt Mademoiselle de La Rochguyon, Duchesse d' Estissac, zu sehen, deren Porträt durch Nattier (Privatbesitz) tatsächlich eine große Ähnlichkeit besitzt. Wir danken ihm und René Maître für ihre Hilfe beim Versuch der Identifizierung dieser Dame.
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