Länder
Dame in blauem Kleid mit rotem Schal
Die etwas füllige Dame in hellblauem Kleid - vermutlich eine Russin 1 - steht vor einem dichten Wald. Während solche Hintergrundstaffagen in Frankreich üblicherweise ein waldiges Parkstück andeuteten, lassen die Tannen hier tatsächlich an einen Bereich außerhalb bewohnten Gebiets denken, wohin sich eine Dame der gehobenen Gesellschaft kaum zum Vergnügen begeben hätte. Im Unterschied zu den Landschaftskulissen in Porträts des Rokoko ist hier keine theatralisch inszenierte Wildnis gemeint, vor der bukolische oder mythologische Rollen gespielt wurden, sondern eine reale Außenwelt, deren herbe Wildheit geschätzt wurde. 2 Die Kulisse wurde vermutlich gewählt, um das Streben der Dargestellten nach natürlichen, echten Gefühlen zu verdeutlichen, die zum Zeremoniell der höfischen Bühne einen befreienden Kontrast bildeten.
Die breite, effektsuchende Malweise, die Péron-Labroue sich bei ihrem Lehrmeister Ritt aneignete, hatte in der französischen Miniaturmalerei eine bereits über zwanzigjährige Tradition und geht zurück auf die Miniaturen Pierre Adolphe Halls. Sie war in den neunziger Jahren zwar noch keineswegs verschwunden - man denke beispielsweise an die Werke Périns -, wurde aber mehr und mehr durch eine präzisere Malweise und eine das Modell individueller abbildende Porträtauffassung ersetzt.
B.P.
1 Die aus Frankreich stammende Miniaturistin Louise Péron-Labroue erlernte die Miniaturmalerei im späten 18.Jahrhundert in Rußland bei Ritt und scheint auch später noch dort gearbeitet zu haben. Vgl. das Bildnis von Katharina der Großen (Christie' s Genf, 19.11.1991, Nr. 250) und ein um 1810 gemaltes Damenbildnis im Russischen Museum, St.Petersburg, abgebildet bei Michajlova und Smirnov 1979, S. 150.
2 Ein ähnliches Bildnis Péron-Labroues einer Dame vor einem Tannenwald befand sich in der Sammlung David-Weill. Vgl. Jeannerat 1957, S. 259.
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