Epochen
Dame in braunem Kleid
Unterschiede in der Porträtauffassung und der Gewichtung von Bildelementen führten dazu, daß manche Miniaturisten eher männliche, andere vermehrt weibliche Kundschaft zu malen hatten. Sicardi war ein Porträtist für Damen. Er verstand es, den Modellen zu schmeicheln: Den Mund malte er klein, mit zierlichen nach oben gerichteten Mundwinkeln. Der Blick, besonderes Qualitätsmerkmal in Sicardis Porträts, zeigt wellenförmig gerundete Lider, die sich tief in die Augen herabsenken und diese ungewöhnlich stark beschatten. Das Gesicht erhält dadurch lebendige Intensität und verführerischen Reiz.Die Dame in der vorliegenden Miniatur - Sicardi malte sie als sechzigjähriger Künstler - entspricht diesem Schema und zeigt, daß das im 18. Jahrhundert vorherrschende Schönheitsideal auch im Empireregime noch seine Anhänger fand. Die maltechnische Präzision, die regelmäßige Pinselstruktur und die weiche Modellierung rücken Sicardi in die Nähe Augustins.Louis Marie Sicard wollte sich mit der Italianisierung seines Namens durch angehängtes "i" oder "y" südländische Attrak-tion verleihen. Sie trug ihm aber auch Hohn ein, wie ein Spottgedicht über den Miniaturisten 1796 belegt. 1
B. P.
1 "Critique du Salon ou les tableaux en Vaudeville", 1796. Zitiert bei Belleudy, 1931, S. 242.
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