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Nachdem 2000 der erste Band mit Miniaturen aus der Sammlung Tansey präsentiert wurde, liegt nun der zweite vor. Das erste Buch zeigte Werke aus unterschiedlichen Epochen, mit deutlichem Schwerpunkt im 18. Jahrhundert. Aufgrund des großen Reichtums an qualitativ hervorragenden Miniaturen des darauffolgenden Jahrhunderts in der Sammlung Tansey sowie der Tatsache, daß der Produktion dieser Epoche kaum je die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wurde, gibt das zweite Buch nun Einblick in die Bildnisminiatur des 19. Jahrhunderts.

Die Nachfrage nach Miniaturporträts wuchs bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stetig an und führte im Empire und im Biedermeier europaweit zu einem nie dagewesenen Ausmaß an Produktionsreichtum. Immer mehr Künstler spezialisierten sich in dieser Porträtgattung und verfeinerten ihre Herstellungstechniken immer weiter. Fast ausnahmslos wurde auf dünnen Elfenbeinblättern gemalt und diese so bearbeitet, daß sie sich für die Wiedergabe von Gesicht und Händen ganz vorzüglich eigneten. Der Wunsch auch nach größerformatigen Bildnissen in der Miniaturtechnik ließ die Künstler komplizierte Herstellungsverfahren entwickeln, um die Inkarnate auf das im Format beschränkte Elfenbeinblatt zu malen. Die Darstellung nicht allein eines Brustbildes, sondern des Modells in Halbfigur, die Hinzufügung aufwendiger Garderoben, Interieurs oder auch die Wiedergabe romantischer Landschaften verlangten vom Miniaturisten einen enormen Zeitaufwand. Die künstlerisch anspruchsvolle Miniatur wurde deshalb im 19. Jahrhundert keineswegs ein leicht erschwingliches Gebrauchsobjekt des aufsteigenden Bürgertums, sondern blieb ein Luxusgut, das auch entsprechend aufwendig gerahmt wurde.

Was den heutigen Betrachter von Miniaturen des 19. Jahrhunderts besonders anspricht, ist die Unmittelbarkeit der darin dargestellten Menschen. Die Auftraggeber wollten ihre äußere Erscheinung in Miniatur verewigt haben. Repräsentation von Rang und Stellung spielte dabei, wie schon im 18. Jahrhundert, eine wichtige Rolle, und etliche Modelle ließen sich deshalb vor barocker Vorhangkulisse abbilden oder wählten zu diesem Zweck kostbare Accessoires. Auch der Eitelkeit der männlichen wie weiblichen Dargestellten mußte wie schon in früheren Jahrhunderten Rechnung getragen werden, und dies schränkte das Realismusgebot bisweilen stark ein. Die Kreation einer Phantasiewelt, wie sie im 18. Jahrhundert häufig gesucht wurde, circa ideelle Werte zu visualisieren, wurde im 19. Jahrhundert selten. An ihre Stelle trat eine irdisch materielle - wenn auch oft theatralische - Bildsprache.

Das Ehepaar Tansey hat nie systematisch gesammelt, sondern eine Miniatur dann erworben, wenn das Sujet gefiel und die hohen Qualitätsansprüche befriedigte. Deshalb hat die Sammlung auch in Werken des 19. Jahrhunderts eindeutige Schwerpunkte. Die große Liebe der Tanseys gilt vor allem kontinentalen Miniaturen und darunter speziell der französischen und österreichischen Schule. Werke aus England sind recht spärlich vertreten, denn die breite, effektsuchende Malweise und das oft grelle Kolorit dieser Miniaturen entsprechen wenig dem Geschmack des Sammlerehepaars. Werke von Egley, Hargreaves, Newton, Smith und Ward sowie ein Meisterwerk von Cruickshank sind in der vorliegenden Präsentation aber dennoch vertreten. Bemerkenswert ist die Miniatur Linnells mit dem Porträt des George Pocock Bart, des Erfinders einer von fliegenden Drachen gezogenen Kutsche.


Die französische Miniatur aus nachrevolutionärer Zeit ist hervorragend repräsentiert: Man findet die großen Meister Augustin und Isabey mit charakteristischen Stücken, ebenso auch deren begabte Schüler. Unter jenen Isabeys überzeugt Jacques mit einem besonders berührenden Damenbildnis und Aubry mit seinem Bravourstück, der Dame mit Federfächer. Ein Werk spezieller Prägnanz im OEuvre von Singry ist sein prachtvolles Porträt der Sängerin Fodor-Mainvielle. Die erstmalige Präsentation des neu identifizierten Selbstbildnisses Mansions ist eine spezielle Freude der Herausgeber. Augustins Schülerinnen Mlle Hue de Bréval und Lizinka de Mirbel sind mit Glanzstücken dabei, ebenso seine Schüler Sieurac und Besselièvre. Die Aubry-Schüler Meuret und Saint werden gleich mit mehreren Werken erster Güte repräsentiert, und den glanzvollen Abschluß der Miniaturmalerei Frankreichs bildet die beste Schülerin aus dem Atelier Meurets, Cécile Villeneuve. Spezielles Interesse finden auch die Werke derjenigen Künstler, die einen Teil ihrer Produktion noch im 18. Jahrhundert schufen, wie Bourgeois, Guérin und Delaplace. Auf der Schwelle in ein neues Jahrhundert und in ein neues Porträtverständnis entstanden die Werke von Huet-Villiers und Dubois.


Die Bildnisminiatur in Österreich wird von einer Auswahl erstklassiger Porträts von Daffinger dominiert. Die Dame im rosafarbenen Kleid und jene mit aufgestütztem Ellbogen zählen zu seinen Meisterwerken. Daffinger ist in bester Gesellschaft mit Anreiter, dessen Dame vor Uferland-schaft eine Kreation ganz eigenwilliger und erfinderischer Art ist. Albert Theer verdanken wir ein kleines Porträt von Daffinger und dem jung verstorbenen Gabriel Decker das faszinierende Bildnis einer Dame in grauem Kleid.


Unter den großen Schweizer Miniaturisten zeigt der Katalog Werke von Comte, der in Paris bei Augustin sein Handwerk erlernte, und von Bel, der Isabeys Atelier besuchte. Interessante Werke schufen L'Huillier und Dietler. Ein weiterer Glanzpunkt des Katalogs ist ein vermutetes Selbstbildnis von Goulu.


Deutschland ist in dieser Auswahl kaum vertreten, was daran liegt, daß der deutschen Miniatur auch im 19. Jahrhundert Eleganz und Raffinement des westlichen und östlichen Nachbarlands fehlten. Immerhin zeigen Werke des Hannoveraners Ahrbeck, des Hamburgers Freund sowie Tangermanns auch die einheimische Produktion. Im Bildnis von Marie-Louise, von Mayr 1810 während der Durchreise der künftigen Kaiserin in Augsburg gemalt, besitzt das Ehepaar Tansey ein historisch äußerst wertvolles Stück. Der ungemein begabte Josef Heigel, der sein Handwerk teilweise in Paris erlernte, begeistert hier mit der kraftvoll gemalten Wiedergabe eines Ehepaares.


Von Quaglia, einem in erster Linie in Paris arbeitenden Italiener, dem bevorzugten Miniaturisten der Kaiserin Joséphine, besitzen die Tanseys das einfühlsame Porträt einer Dame in weißem Empirekleid.


Unter den skandinavischen Bildnisminiaturen entsprechen eher die des 18. Jahrhunderts dem Geschmack der Tanseys als die des 19. Jahrhunderts. Zwei Porträts Aldenraths, der in Lübeck geboren wurde, aber in erster Linie in Dänemark arbeitete, stehen als exquisite Beispiele der nordischen Schule.


Der Bildnisminiatur des 19. Jahrhunderts wird im Band "Miniaturen des 19.Jahrhunderts aus der Sammlung Tansey" erstmals einer eigene Publikation gewidmet.


Mögen die Werke dieser oft stiefmütterlich behandelten Epoche die Betrachter des zweiten Buches ebenso faszinieren wie dessen Bearbeiterinnen und Bearbeiter!

Bernd Pappe