Der Malvorgang
Bevor auf das Pergament- oder Elfenbeinblatt gemalt wurde, fertigte der Künstler eine Zeichnung des Modells an, um dessen Züge genau zu erfassen und, wenn nötig, ausbessern zu können.
Dieser Entwurf wurde mit einem feinen Zeichenstift auf das Pergamentblatt übertragen oder konnte zur Kopie unter das halbtransparente Elfenbeinblatt gelegt und mit Stift oder direkt mit Farbe und Pinsel übertragen werden. Die erste Farblage wurde in erstaunlich breiter und freier Pinselführung gelegt.
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Louis Marie Sicardi: Lachender Komödiant, circa 1805 (6,8cm x 5,5, cm, nicht signiert). Die unvollendete Miniatur zeigt die breite Anlage des Gewandes in wäßrigem, braunen Pinselstrichen. Hintergrund und Hut sind flächig deckend unterlegt und hätten in einem weiteren Arbeitsschritt vereinheitlich und schattiert werden sollen. Das Gesicht ist bis auf letzte Tupfer fertig gemalt. (Privatbesitz) |
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Sie diente als vorbereitende Untermalung für die spätere Ausarbeitung. Für Kleider und Hintergrund bestanden bezüglich Transparenz und Struktur grundsätzlich zwei verschiedene Malweisen: Die Farbe konnte lasierend oder deckend aufgetragen werden, die Pinselführung konnte flächig oder punktend bzw. strichelnd sein. Jeder Künstler hatte seine eigenen Vorlieben. In den Malanleitungen wird die flächige Deckfarbenmalerei als die schwierigere, aber raschere beschrieben, wogegen die transparente strichelnde die einfachere, aber zeitaufwendigere sei. Die großen Virtuosen der flächigen Gouachemalerei sind auf dem Kontinent beheimatet: Carriera, Mosnier und Perin. Weil ein Helldunkel-Verlauf in flächiger Deckfarbe nur schwierig in einem Mal zu erreichen war, legten die meisten Miniaturisten die Schatten in Lasurfarbe auf einen monochromen Farbgrund. Transparente, flächige Unterlegung und Ausarbeitung in feinen Strichen waren überall und in allen Epochen beliebt, besonders kunstvoll aber in England im späten 18. Jahrhundert entwickelt, wo Meyer, Crosse, Cosway und viele andere in dieser Technik brillierten. |
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Louis-Lie Perin-Salbreux: Älterer Herr, um 1785 (Kat.-Nr. 2000-53, Detail). Aquarell und Gouache auf Elfenbein. Perin vermalt die Gouachefarbe sehr breitflächig in freien, gut voneinander zu unterscheidenden Pinselschlägen. Die meisterhafte Beherrschung mal wässrigen, mal trockenen Farbauftrags verleiht der Malerei viel Leben. |
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Edelsteinen griff man im 16. und frühen 17. Jahrhundert manchmal zu raffinierten Sondertechniken: Gold konnte mit Pudermetallen dargestellt werden (Kat.-Nr. 2000-8 und 2000-82), Edelsteine mit leuchtenden Farblacken auf versilberter oder vergoldeter Unterlegung. Später gerieten diese Methoden durch farbliche Darstellung in den Hintergrund (ein spätes Beispiel für die Verwendung von Pudergold ist Kat.-Nr. 2000-24). |
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Jean Baptiste Jacques Augustin: „Monsieur Mahieu", um 1798 (Kat.-Nr. 2000-3, Detail). Aquarell und Gouache auf Elfenbein. Augustin übertrifft seine zeitgleichen Berufskollegen in der Ausarbeitung des transparent gemalten Inkarnates an Feinheit und farblichem Nuancenreichtum. Was mit dem Pinsel gemalt wird, korrigiert und verfeinert stets wieder der Kratzer.
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Die Inkarnate waren der schwierigste und zeitaufwendigste Teil der Malerei. Ihre Malweise auf Pergament unterschied sich grundlegend von jener auf Elfenbein: Während auf Pergament oft eine dünne, hautfarbene Schicht Deckfarbe den Hautton bestimmte, diente auf Elfenbein das halbtransparente Material selbst als Grundton. Entsprechend wurden auch in der Weiterarbeit auf Pergament gerne mit Weiß vermischte Farben verwendet, auf Elfenbein aber nur Farblasuren ohne Weiß. Auch in den Inkarnaten begann der Künstler die Vormodellierung zuerst mit flächigen Lasuren. Die nächsten Arbeitsschritte wurden in der für die Miniaturmalerei so charakteristischen Feinarbeit aus Punkten und Strichen ausgeführt, weil Wasserfarben auf fein geglättetem Pergament und vor allem auf Elfenbein nicht in verschiedenen Schichten übereinander gelegt werden konnten, ohne dass die darunter liegende Farblage sich sofort abgelöst hätte. Die Farbe drang nicht in den Malgrund ein, sondern haftete nur an dessen Oberfläche. Um die Malerei im Inkarnat zu präzisieren, bediente sich der Miniaturist der Spitze der Schabklinge. Tatsächlich sind in vielen Miniaturen Konturen und die feinen Helldunkel-Abstufungen eben sosehr das Werk des Pinsels wie des Kratzers; das Gemalte wurde ständig wieder mit der Klinge ausgebessert und verfeinert. |
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Bernd Pappe |



