Rechts

 



Elfenbeinblätter (links), wie sie vom Künstler im Handel bezogen wurden, und Papierhinterklebung mit Silberpaillon (rechts).

 

Neben Elfenbein war feines Pergament (sog. Velin) der weitaus beliebteste Bildträger in der Miniaturmalerei, bekannt seit Jahrhunderten aus der Buchmalerei. Vom 16. bis zum 18. Jahrhun­dert wurde es auf festes Papier (oft eine ausge­schnittene Spielkarte) aufgeklebt, das der Maler vorher zur Erhöhung der Stabilität ein- oder doppelseitig weiß grundierte. Die glatt polierte Pergamentoberfläche konnte bequem mit Was­serfarben bemalt werden. Für größer formatige Miniaturen konnte das Pergamentblatt auf eine Kupfertafel gespannt und der Umschlag auf der Tafelrückseite festgeklebt werden, damit es sich bei Klimaschwankungen nicht verwellte (Kat.-Nr. 2000-81). Feines Pergament blieb bis ans Ende der Miniaturmalerei in der Mitte des 19. Jahrhun­derts in Gebrauch, die Großproduktion im spä­ten 18. und frühen 19. Jahrhundert allerdings wurde auf dünne Elfenbeinblätter gemalt.

 

Ungefähr um 1700 wurde Elfenbein als idealer Bildträger für Portraitminiaturen entdeckt (frühe Beispiele auf Elfenbein sind Kat.-Nr. 2000-11, 2000-12, und 2000-83). Zuerst in Venedig eingesetzt, erfreute sich Elfenbein schnell auch in England, Deutsch­land und Holland großer Beliebtheit (Beispiel: Kat.-Nr. 2000- 87). Die französischen Miniaturisten hingegen malten bis um 1770 fast ausschließ­lich auf das traditionelle Pergamentblatt (Bei­spiele: Kat.-Nr. 2000-77 und 2000-78).

Die feinen Elfenbeinblätter kamen durch ihre Farbe und wächserne Transparenz bereits in un-bemaltem Zustand der optischen Wirkung menschlicher Haut verblüffend nahe. Die Minia­turisten spielten mit dieser Material Wirkung, in­dem sie Inkarnate (Hautpartien) nie deckend, sondern immer durchscheinend malten. Die aus dem Quer- oder Tangentialschnitt gesägten Blät­ter wurden so positioniert, dass die sichtbare Maserung senkrecht verlief, was im Inkarnat we­niger störend auffiel als waagerechte Streifung. Bis ungefähr 1760 besaßen die Elfenbeinblätter eine Dicke von etwa einem Millimeter. In der produktionsreichen Zeit ab 1780 waren die Blätter dünner und mussten zur Erhöhung der Stabilität mit Papier hinterklebt werden. Um die Leuchtkraft des Elfenbeins in den trans­parent bemalten Inkarnaten nicht zu vermindern, sollte der Klebstoff auf der weißen Rückseitenbeklebung nur punktuell am Bildrand auf­getragen werden. Die Art der Papierhinterkle­bung des dünneren und somit transparenteren Blattes beeinflusste wesentlich die Bildwirkung, und manchmal wurde der Farbton des Blattes durch rückseitiges, leicht rosa getöntes Papier zusätzlich verfeinert. Wesentlich häufiger findet man dünne Silberfolien (sog. Paillons), die dazu dienten, die Leuchtkraft des Elfenbeins zu erhöhen.


 


Jean Baptiste Jacques Augustin: Pauline Augustin, 1808 (18,5 cm x 14,5 cm, signiert und datiert oben links). Aquarell und Gouache auf Elfenbein und Karton (Sammlung Tansey, Ordnungs-Nr. 010.036.

 

 


Schematische Darstellung des Bildträgers. Das Elfenbeinblatt ist weiß, die Kartonerweiterung ist hellgrau angege­ben. Für größere Formate klebte Augustin häufig ein Elfenbeinblatt auf eine dicke Karton- oder Holzplatte und erweiterte den Bildträger rundum mit dünnen Kartonstreifen. Den Übergang nivellierte er mit Kreidegrund aus.


Da Silberfolie kostspielig und erhöhte Leuchtkraft nur in den Inkarnaten und bei transparent gemal­ter Wäsche sinnvoll war, wurde oft nur der gewünschte Ausschnitt unterlegt. Die Technik der Silberpaillons war eine kontinentale Vorliebe und fand bei englischen Miniaturen kaum Verwendung. Eines der frühesten Beispiele für die Verwendung eines Paillons ist die um 1760 entstandene Miniatur „Dame als Vestalin" (Kat.-Nr. 2000-114). Etwa ab 1810 wird das Paillon häufig ersetzt durch auf der Elfenbein­rückseite aufgeklebtes Blattsilber. Die Schwär­zung von Silber war den Miniaturisten bekannt, dennoch wurden die Paillons nur selten mit einem Schutzlack bestrichen oder durch das stabilere Zinn ersetzt. Vermutlich gingen die Künstler davon aus, dass das Metall zwischen Elfenbeinblatt und Rückseitenbeklebung genü­gend dicht eingeschlossen sei, um nicht von den für die Korrosion verantwortlichen Dämpfen erreicht zu werden. Durch Korrosion im Silber entstandene Schwärzung, optisch als Flecken in der Malerei wahrnehmbar, ist allerdings heute ein häufiges Schadensbild in Miniaturen.

Da die Bildbreite durch die Dicke des Elefanten­zahnes auf maximal etwa 16 cm beschränkt war, musste der Miniaturist für breitere Formate zu aufwendigen Spezialtechniken greifen. Es bestand die Möglichkeit, auf eine große Karton- oder Holz­tafel Elfenbeinblätter nur im Bereich der Ge­sichter und Hände aufzukleben, da die Qualitä­ten von Elfenbein ja vorwiegend dort gesucht wur­den. Die angrenzenden Partien konnten mit einer weißen Grundiermasse ausnivelliert wer­den.

 

Sollte der ganze Bildträger aus Elfenbein bestehen, so wurde auf festem Papier ein zentrales, größtmögliches Blatt rundum mit mehreren El­fenbeinstreifen erweitert, indem Stoß an Stoß an­einandergefügt wurde (Abb. siehe unten). Beide Tech­niken gewannen in Frankreich gegen Ende des 18. Jahrhunderts zunehmend an Beliebtheit und wurden von namhaften Künstlern wie Jean-Antoine Laurent, Jean Baptiste Jacques Augustin und Jean-Urbain Guerin angewandt. Da Frankreich im 18. und 19. Jahrhundert wesentlich weniger Elfenbein importierte als England, und somit das Material teurer war,11 gingen die fran­zösischen Miniaturisten sparsamer damit um. Ein kleinstmögliches Elfenbeinblatt wurde für die größtmögliche Miniatur verwendet, und An­stückungen mit Elfenbein oder Papier sind selbst in kleinen Formaten nichts Außergewöhnliches (Kat.-Nr. 2000-45 und 2000-131). In England hingegen ist dies selten der Fall, häufig wurde dort sogar ein Streifen unbemalten Elfenbeins am Bildrand vom Rahmen verdeckt.

Entsprach der Farbton des Elfenbeins nicht den Ansprüchen des Miniaturisten, war er zu dunkel oder gelbstichig, konnte das Blatt durch ver­schiedene Bleichprozeduren aufgehellt werden. Um es für die wässrigen Farben weniger abstoßend zu machen, wurde es angeraut oder mit Substanzen wie Ochsengalle oder Knoblauchsaft abgerieben.

 


 

Louis Frangois Aubry: Bildnis einer Dame, 1830 (27 cm x 19,3 cm, signiert und datiert links unten). Aquarell und Gouache auf Elfenbein (Sammlung Tansey, Ordnungs-Nr.010.011).

 

Schematische Darstellung der Bildträgererweiterung aus mehreren Elfenbeinblättern. Die außerordentlich gute Erhaltung des großen, mehrteiligen Elfenbeinträgers ist bedingt durch die Wahl recht dicker Tafeln (1,5 mm), die ohne Rückseitenbeklebung am Rand überlappend aneinandergeklebt wurden